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Warum wir "Nutztiere" und keine Hunde essen :

Die meisten Menschen glauben: Fleischessen ist normal, natürlich und nützlich. Nur wenn das falsche Tier auf dem Teller liegt, regen sie sich auf. US-Psychologin Melanie Joy erklärt, wie Menschen das rechtfertigen und was Fleischkonsum mit der Ausbeutung vonTieren zu tun hat.

Manche Tiere sind des Menschen bester Freund, andere dagegen landen auf dem Teller. Und wenn man mal das falsche Tier serviert bekommt – das zeigt der aktuelle Pferdefleisch-Skandal – ist der Aufschrei groß. Warum das so ist, hat die US-amerikanische Psychologie- und Soziologie-Professorin an der Universität Boston, Melanie Joy, in ihrem Buch “Warum wir Hunde lieben und Schweine essen” (erscheint am 15. Mai auf deutsch) untersucht.

Hier ein Interview, welches Sebastian Meyer auf www. sueddeutsche.de  mit Melanie Joy führte:

Süddeutsche.de: Frau Joy, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Psychologie des Fleischessens. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal in ein Stück totes Tier gebissen?

Melanie Joy: Das war 1989, als ich einen mit Bakterien verseuchten Hamburger gegessen hatte und im Krankenhaus gelandet war. Danach hatte ich keine Lust mehr auf Fleisch und beschäftigte mich mehr und mehr mit den Verhältnissen in der Fleischindustrie. Dabei stellte ich fest, dass Fleisch essen im Gegensatz zu meinen ethischen Grundprinzipien steht.

Süddeutsche.de: Anschließend haben Sie sich beruflich mit dem Thema Fleischkonsum beschäftigt. Was haben Sie herausgefunden?

Melanie Joy: Für meine Doktorarbeit hatte ich Leute aus der Fleischindustrie, Menschen, die ihre eigenen Tiere züchten und schlachten, "normale" Fleisch-Konsumenten, aber auch Vegetarier interviewt. Ich stellte fest, dass eigentlich alle von ihnen sich auf irgendeiner Ebene unwohl dabei fühlten, Tieren Leid zuzufügen. Aber es gab eine psychologische Trennung zwischen diesem Unwohlsein und ihrem Verhalten.
Um diesen moralischen Widerspruch aufzulösen, benutzten sie verschiedene psychologische Verteidigungsmechanismen. Das Ganze kann man mit einem unsichtbaren Glaubenssystem vergleichen, das von allen internalisiert ist, die in dieses System hineingeboren werden. Ich habe es "Karnismus" getauft.

Sueddeutsche.de: Was macht dieses Glaubenssystem mit uns?

Melanie Joy: Die meisten Menschen haben Mitgefühl mit Tieren. Trotzdem essen sie ihre Körperteile regelmäßig. Das geht nur, weil uns der Karnismus lehrt, nicht zu fühlen. Das ganze System ist darauf angelegt, unser Bewusstsein und unsere Empathie zu blockieren.

Sueddeutsche.de: Und weil unsere Empathie nicht total blockiert wird, essen wir nur bestimmte Tiere, während wir andere als Haustiere halten und eine enge Beziehung zu ihnen aufbauen?

Melanie Joy: Genau. Mit der einen Hand essen wir einen Burger, während wir mit der anderen unseren Hund streicheln. In unserem Kulturkreis lieben zum Beispiel viele Menschen Hunde und behandeln sie teilweise wie Familienmitglieder. Aber wir essen Schweine und tragen die Haut von Kühen. Dabei sind Schweine und Kühe mindestens genauso intelligent wie Hunde und haben die gleiche Fähigkeit, Emotionen und Leid zu erleben. Dieser Widerspruch ist den meisten überhaupt nicht bewusst. Der dahinter liegende Mechanismus findet sich übrigens auch in menschlichen Ausbeutungsverhältnissen. Manche Leute bombardieren wir, andere retten wir. Manche werden versklavt, andere verherrlicht. Der Unterschied hat aber nichts mit dem Individuum an sich zu tun. Der Unterschied hat etwas mit unserer Wahrnehmung der Gruppe zu tun, zu der sie gehören.

Sueddeutsche.de: Erzählen Sie uns etwas über die verschiedenen Verteidigungsmechanismen des Karnismus.

Melanie Joy: Der erste Mechanismus ist das Leugnen. Wenn wir leugnen, dass es ein Problem gibt, müssen wir auch nichts dagegen machen. Das Leugnen drückt sich zum Beispiel darin aus, dass wir die gesamte Tierproduktion, die Schlachtfabriken und so weiter, so gut wie nie zu sehen bekommen. Dabei ist die moderne Fleischindustrie wohl eine der brutalsten Praktiken der Menschheitsgeschichte. Jedes Jahr werden allein in den USA rund zehn Milliarden Tiere wegen ihres Fleisches getötet. Diese Tiere leben häufig in furchtbaren Verhältnissen, eingezwängt in Laufställen und Käfigen, behandelt wie lebende Maschinen, wie Produktionseinheiten. Diese Opfer werden von uns ferngehalten. Aber es gibt noch andere Verteidigungsmechanismen, ich nenne sie die drei "N"s: Dass Fleischessen normal, notwendig und natürlich sei. Solche Argumente wurden übrigens auch benutzt, um andere gewalttätige Praktiken, wie die Sklaverei oder das Patriarchat, zu rechtfertigen.

Sueddeutsche.de: Lassen Sie uns über die drei "N"s reden: Warum soll es nicht normal sein, Fleisch zu essen?

Melanie Joy: Weil es eine freie Entscheidung ist. Menschen, die kein Fleisch essen, werden als "Vegetarier" bezeichnet und müssen sich rechtfertigen. Derjenige, der Fleisch isst, hat jedoch keinen Namen und muss sich auch nicht rechtfertigen. Vielen Menschen ist nicht einmal bewusst, dass sie eine freie Entscheidung treffen, wenn sie Fleisch essen.

Sueddeutsche.de: Kommen wir zum zweiten "N", dem Natur-Argument.

Melanie Joy: Leute, die sagen, Fleisch essen sei natürlich, betrachten die Evolution des Menschen sehr einseitig und verschweigen, dass sich unsere nahen Verwandten aus dem Tierreich zum Beispiel hauptsächlich vegetarisch ernähren. Zudem gibt es auch andere menschliche Praktiken, die mindestens genauso "alt" und dementsprechend "natürlich" sind wie der Fleischkonsum: Kindsmord, Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus. Da bemühen wir auch nicht die Geschichte, um dies zu rechtfertigen.

Sueddeutsche.de: Und warum soll es nicht notwendig sein, Fleisch zu essen?

Melanie Joy: Es gibt da diesen Protein-Mythos, also das Argument, dass der Mensch auf tierische Proteine angewiesen ist, vor allem zur Kraftentwicklung. Dabei ist der stärkste Mann Deutschlands zum Beispiel ein bekennender Veganer. Es gibt auch in der Forschung immer stärkere Hinweise darauf, dass eine fleischlose Diät gesundheitliche Vorteile hat. Aber auch wenn man das nicht zur Kenntnis nehmen will, so weiß man doch, dass es seit Jahrtausenden Vegetarier gibt, die nicht nur gesund, sondern auch sehr lange leben.

Sueddeutsche.de: Sie sagen, die moderne Tierproduktion sei eine der brutalsten Praktiken der Menschheitsgeschichte. Das erinnert mich an eine Aussage des Literatur-Nobelpreisträgers und Tierrechts-Aktivisten Isaac Singer, der den Umgang der Menschen mit den Tieren mal als ein "ewiges Treblinka" (das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten) bezeichnet hatte. Stimmen Sie dem zu?

Melanie Joy: Schauen wir auf die Opferzahlen: Weltweit werden 124.000 Tiere geschlachtet - pro Minute. Aber man muss natürlich sehr vorsichtig sein. Keine Unterdrückung ist gleich, jedes Opfer mit seinen Leiden ist einzigartig und unterschiedlich. Aber die Ideologien, die dahinter stecken, sind strukturell ähnlich. Es geht um die Mentalität, die es uns ermöglicht, ein Lebewesen als ein Ding oder eine Produktionseinheit zu betrachten. Ob man nun ein Tier quält und foltert oder aber einen Menschen versklavt. Deswegen glaube ich, dass der Veganismus auch ein Thema der sozialen Gerechtigkeit ist. Mir geht es nicht um eine Veränderung des Verhaltens. Mir geht es um eine Veränderung des Bewusstseins. Weg von der Unterdrückung, hin zur Befreiung.

Sueddeutsche.de:
Viele Menschen machen inzwischen einen Schritt in diese Richtung, indem sie auf Fleisch aus Massentierhaltung verzichten und stattdessen Bio-Fleisch kaufen. Was halten Sie davon?

Melanie Joy:
Ich halte das Konzept des "humanen Fleischkonsums" für nichts weiter als ein PR-Manöver der Fleischindustrie. Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie sind als Gast auf einer Dinner-Party. Kerzenschein, edle Weingläser, der Geruch von leckerem Essen. Sie haben den ganzen Tag nichts gegessen, ihr Magen grummelt schon. Sie laden sich eine ordentliche Portion eines appetitlichen Eintopfs auf den Teller, und nachdem sie ein paar Bissen vom zarten Fleisch genossen haben, fragen sie ihre Gastgeberin nach dem Rezept. "Oh gerne", antwortet die. "Du beginnst mit fünf Pfund Golden Retriever, gut mariniert, und dann..." Halten Sie kurz inne. Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen dabei geht. Und dann sagt die Gastgeberin noch: "Keine Sorge, die Hündin hatte ein gutes Leben. Sie konnte rennen und spielen und sie hatte viele Freunde, bevor sie im Alter von sechs Monaten getötet wurde." Ich glaube, die meisten würden sich abwenden, obwohl sie den Geschmack des sechs Monate alten Hundes mochten. Wenn das Tier aber einer anderen Spezies angehört, wenden sie sich plötzlich nicht mehr ab.

Sueddeutsche.de: Glauben Sie nicht, dass es besser ist, Fleisch zu kaufen, das aus artgerechter Haltung oder der sogenannten Bio-Produktion stammt - auch wenn die Tiere am Ende sterben müssen?

Melanie Joy: Ich persönlich ermutige Leute nicht, Bio-Fleisch zu kaufen. Ich glaube, es ist besser, weniger Fleisch zu essen. Denn die Bedingungen der Tiere in den sogenannten Bio-Fabriken sind - zumindest in den USA - nicht besser. Der Schlachtprozess ist nahezu identisch. Die Hühner haben vielleicht ein paar mehr Zentimeter, um sich zu bewegen. Aber ihre Schnabel werden immer noch abgeschnitten und die allgemeinen Lebensbedingungen sind immer noch furchtbar.

Sueddeutsche.de: Sie sagen, dass nicht nur die Tiere Opfer des Karnismus sind - sondern auch die Menschen. Wie kommen Sie darauf?

Melanie Joy: Jeder leidet unter diesem System. Die Fleischproduktion ist eine der Hauptursachen für gravierende Umweltprobleme, von der Abholzung bis zum Wasserverbrauch. Hoher Fleischkonsum steht zudem im Verdacht, Krebs, Herzkrankheiten oder Diabetes zu begünstigen. Und die Fleischindustrie gilt - zumindest in den USA - als eine der gefährlichsten und ausbeuterischsten Arbeitsstätten. Die Arbeiter dort leiden zum Beispiel viel häufiger unter Depressionen als der Rest der Bevölkerung.

Sueddeutsche.de: Sie als Veganerin verzichten in Ihrer Ernährung komplett auf tierische Produkte. Was halten Sie denn von Vegetariern?

Melanie Joy: Ich war zunächst auch Vegetarierin und konsumierte weiter Milchprodukte, weil ich dachte, dies würde den Tieren keinen Schaden zufügen. Die Realität sieht aber anders aus. Die Milchindustrie ist vielleicht sogar die brutalste Tierindustrie überhaupt. Sie ist ausbeuterisch, es gibt dort, was die Opferzahlen angeht, wahrscheinlich sogar mehr Leiden, als in der Fleischindustrie.

Sueddeutsche.de: Ihre Vorträge beginnen oft mit Bildern, in denen Menschen und Tiere harmonisch nebeneinander zu sehen sind. Glauben Sie, dass man Tiere mögen muss, um auf Fleisch zu verzichten?

Melanie Joy: Empathie hilft natürlich. Aber Singer hat einmal darauf hingewiesen, dass es für die Gegner der Sklaverei in den USA nicht zwingend notwendig war, Afro-Amerikaner zu lieben, um Gerechtigkeit für sie zu verlangen. Ich denke, das Gleiche gilt für Menschen, die keine Tiere essen wollen.

Quelle: Sebastian Meyer / www.sueddeutsche.de